Die Wurzeln

Nun, als Kind sah man mir bereits an, dass meine Wurzeln nicht deutscher Natur sind. Ich hatte langes schwarzes dickes Haar, dunkle Augen, einen dunklen Teint…lediglich das Einzige was deutsch war, war meine Aussprache, weil ich in Deutschland geboren bin.

Während ich in meiner Kindheit wohl das ein oder andere nebensächlich verdrängt hatte, keine Wertigkeit oder keine Bedeutung darauf legte, kommen mir jetzt Dinge in den Sinn, die wohl doch in Erinnerung geblieben sind und meinen Charakter formten. Hätte ich dies wahrscheinlich nicht getan, wäre meine Seele daran zerbrochen.

 

Ich erinnere mich, dass ich unwahrscheinlich gerne blond und blauäugig gewesen wäre, mir war es peinlich, wenn mein Papa mich abholte von der Schule…weil man es ihm noch deutlicher ansah, wo seine Wurzeln lagen, als bei mir. Vielleicht auch, weil ich bereits als Kind sehr feinfühlig war, spürte ich die abwertenden Blicke und das Getuschel sehr deutlich.

In der Grundschule musste ich mal am evangelischen Unterricht teilnehmen, weil keiner Zuhause war und meine Eltern gearbeitet haben. Meine damalige Schulkameradin meinte „darfst Du das denn überhaupt, das ist doch verboten mit Deiner Herkunft an unserem Unterricht teilzunehmen. Ich habe von meinen Eltern gehört, dass man dann im Himmel sofort verbrennt, wenn man ihn als andersgläubiger betritt“

 

Ich heulte wahnsinnig, wenn ich in die Schule musste. Ich bot meinem Papa sogar an, dass ich lieber putzen gehen würde, als weiterhin in die Schule zu gehen…da war ich 8-Jahre alt.

 

Die kleinen Dinge, als Kind ausgegrenzt zu werden, das zog sich bis in meine Jugend hinein. Als ich mit meinen Eltern nach Niederbayern gezogen bin, setzte dies aber dem Ganzen ein Krönchen auf.

 

Mein dortiger erster Schultag begann in der letzten Reihe sitzend, weil mich keiner neben sich haben wollte. Der Lehrer sprach in einem „Ausländerdeutsch“ keinen vollwertigen Satz mit mir so in der Art „du wollen dich vorstellen“…Tatsächlich fragte ich mich, warum er als pädagogische Lehrkraft so voreingenommen ist und antwortete ihm in einem klaren Hochdeutsch „sie können auch in ganzen Sätzen mit mir reden“. Leider gehörte die Schulzeit als „halber Ausländer“ nicht zu meinen schönsten Zeiten. Von einer zugepinkelten Schultasche, Abfall in meinem Rucksack und Kaugummi in den Haaren, waren diese Ausgrenzungen von Lehrern und Schüler, dass keiner mit mir was zu tun haben wollte, obwohl man nicht mal 3 Worte mit mir gewechselt hat, wohl am Schmerzhaftesten.

 

Es gab wenige Menschen, die von mir fasziniert waren, die wollten mich sogar treffen…aber nur heimlich und immer mit dem Satz „verrate es aber keinem, dass ich Dich besucht habe“. All das machte viel mit mir, es traf mich schmerzlich, einsam und allein zu sein, nicht gewollt und nicht gesehen. Weshalb meine schulischen Leistungen natürlich in den Keller gingen und von meinem Selbstwert mal ganz abgesehen.

In der Lehrzeit sahen die Lehrer und Schulkameraden in der Berufsschule schon anders auf mich, während die Ausbilder und die Praktikumsplätze mir gar keine Möglichkeiten geboten haben, das zu lernen, was ich gerne gelernt hätte. Ich wäre gerne Architektin geworden, was ich aber bei den Praktikumsstellen, wenn ich diesen Platz überhaupt bekam, zu hören bekommen habe, war „Du können Kaffee kochen“ und „Du drücken diese Knopf“. Sicherlich hat alles seinen Grund und wahrscheinlich wäre die berufliche Orientierung im Nachhinein sowieso hinfällig bei mir. Wobei meine schulischen Leistungen und mein damaliger Ehrgeiz, dass nicht hergaben, diesen Beruf auszuüben.

 

Mit der Zeit versuchte ich durch Umwege meine schulischen Leistungen zu verbessern, besuchte eine Schule, die mir vielleicht im Berufsleben nicht viel weitergeholfen hat, außer natürlich Lehrer und Menschen, die mich schätzten wegen meiner Art. Ich fand dort Freunde und Wertschätzung.

 

Selbst als junge Frau, ich lernte meistens Männer kennen, die sich heimlich mit mir treffen wollten, aber nie in der Öffentlichkeit zu mir standen, weil ich da einfach nicht in das Bild passte, was ihre Eltern gerne sahen. Doch lieber ging ich meinen Weg allein, als irgendwas in Heimlichkeit zu leben, wer nicht zu mir stand, durfte auch an meinem Leben nicht teilhaben.

 

Ich lernte meinen Mann kennen, der vom Aussehen das komplette Gegenteil von mir ist und einen Menschen, der stets hinter mir stand und steht…trotz der Vorurteile, die so dass ein oder andere Mal auf ihn reinprasselten.

 

Angst zu haben, wenn man am Bahnhof auf eine Gruppe „anders-denkender Menschen“ stößt, die sich einen Spaß aus ihren Drohungen machten und man froh ist, schnell genug heil und unbeschadet zu seinem Auto zu kommen. Dankbar, dass ich meinen damaligen Hundebuben dabei hatte, der keinen nur mehr als nur 1 Meter an mich ran ließ, ohne die Zähne zu zeigen. Ja…das prägt.

 

Das Berufsleben hielt Gott sei Dank auch andere Menschen für mich bereit, wesentlich offener Neuem gegenüber. Die mich förderten und schätzten. Menschen auf meinem spirituellen Weg zeigten mir, dass es nicht wichtig ist wo man herkommt, sondern lediglich zählt, wie man im Innen ist. Brachten mir bei, meine Herkunft nicht zu verleugnen.

 

Sicherlich ist das alles schmerzhaft und man wird geprägt. Gerade im Kindesalter, formen all diese Erinnerungen den Charakter mit. Man wird härter gemacht…selbstbewusst, nein, das nicht, dass musste ich lernen. Nach Außen stark, aber im Innen schmerzte es tief, diese Ablehnung zu erfahren. Den Weg oftmals allein zu gehen, war hart und anstrengend, gerade dann, wenn man noch jung ist.

Ich lehnte lange Zeit meine Ahnen und meine Wurzeln ab, weil ich gerne anders gewesen wäre. Doch mit der Zeit sagte ich immer zu meinem Mann „ich bin das schwarze Schaf und bin es sogar gerne“

 

Man denkt sich, nun gut…damals, da war es eine andere Zeit. Doch heute, ist es oft nicht anders im Außen…Nur der einzige Unterschied, heute bin ich stolz und selbstbewusst. Auf die Frage wo ich herkomme, antworte ich „aus Hessen“ (stimmt ja auch). Es kommt darauf wer und wie man fragt, auf blöde Fragen, folgen blöde Antworten. Ich bin stolz, anders zu sein, anders in meinem Denken und in meinem Aussehen. Dankbar an die Menschen, die mich dadurch stärker gemacht haben und ich dadurch gelernt habe, mit erhobenen Hauptes, stolzer Brust und einem Lächeln im Gesicht, den Weg lang zu gehen…Ich liebe es sogar, anders zu sein, mit allem was ich bin. Voller Stolz schaue ich auf meinen Bruder, mit seiner angolanischen Frau und seinem Kind…es ist für mich was Besonderes, anders sein zu dürfen. Ich bin das schwarze Schaf und wenn ich mich umschaue, dann sehe ich immer mehr Menschen, die anders sind und sich in meinem Feld wundervoll ergänzen.

 

Ja…ich bin stolz und die Narben, von damals sind bereits lange verblasst…Danke an meine Ahnen, dass ich ihre Magie und ihren Zauber in mir tragen darf und mein Aussehen dadurch einzigartig ist. Sich bewusst zu werden, wo man herkommt, birgt eine große Kraft in sich.

 

„nicht Deine Herkunft ist das was zählt, sondern das, was Du in Deinem Herzen trägst“