Geschwister

Wenn ich mit meinem heutigen Bewusstsein die Bilder anschaue aus meiner Kindheit, dann sehe und spüre ich so viel mehr, als ich dies vielleicht noch vor einigen Jahren getan habe.

 

Was erwartet einem, wenn man auf diese Welt kommt. Ein Baby wird getragen, in den Armen geschaukelt und liebkost. Die Eltern tun stets ihr Bestes, auch, wenn sie selbst gefangen sind in ihren Mustern, Glaubenssätzen und Strukturen. Verworren im Familiennetz wird man als Seele hineingeboren. Früher dachte ich immer, dies geschieht ohne (mit) Bestimmung, keine Option selbst auszuwählen, doch heute weiß ich, dass die Seele sich das selbst aussucht, bewusst in welche Erdenfamilie geboren zu werden, welche Erdenfamilie stark genug ist und mit den Aufgaben klar kommt, diese Seele zu empfangen. An all den Aufgaben, die das Leben stellt zu wachsen.

 

Dann sehe ich meine Geschwister und mich…eine Familie, eine Struktur, ähnliche Glaubenssätze, äußerliche Ähnlichkeiten und doch komplett unterschiedlich, unterschiedlicher könnten wir drei gar nicht sein.

 

Man wächst gemeinsam auf, teilt sich die Liebe der Eltern, entwickelt Neid, versucht sich in den Vordergrund zu mogeln, baut Ängste auf, haut sich, ärgert sich, piesackt und kritisiert sich und doch liebt man sich, irgendwie und auf irgendeiner Weise. Ist verbunden und verworren in alle Ewigkeit, so denkt man zumindest und meint, dass muss so sein.

 

Denke ich an meine Kindheit zurück, dann war ich die Kleinste, das Nesthäkchen, wo Wikipedia das dazu sagt

 

*Nesthäkchen, bei Geschwister das jüngste, letztgeborene Kind, das als letztes „aus dem Nest fliegt“

 

So war es auch, ich flog als letztes aus dem Nest und kam mir immer vor, wie das Küken.  Durch die emotionale Arbeit an mir, sehe ich mich oft als Kind, auch jetzt, während ich den Text schreibe…da sehe ich das kleine Mädchen sitzen. Rebellierend, frech grinsend, eigenartig, in sich zurückgezogen, hilflos und anhänglich mit Verlustängsten und oft einsam, weil sie anders war. Meine Geschwister waren größer als ich, wollten sich nicht immer um die Kleine kümmern, wenn sie mal wieder aufpassen mussten auf mich. Wie es eben so ist, wenn die Größeren eben andere Interessen haben, als die Kleinsten. Mir beim Lernen helfen mussten und daran verzweifelt sind, wenn ich ständig nach dem „Warum“ fragte und den Lösungsweg nicht einfach so hinnahm. Sie waren viel emsiger, fleißiger und ehrgeiziger.

Doch war ich hier und da im Schlepptau bei meinem Bruder und meiner Schwester dabei und wurde mitgenommen. Da erinnere ich mich, dass ich sehr an meinem Bruder gehangen habe, zu ihm aufschaute und als er auszog oft bei ihm übernachten wollte. Bis er ins Ausland ging…da zerbrach etwas in mir und Stricke wurden durchtrennt, ich habe sehr darunter gelitten, dass er für mich nicht mehr greifbar war.

 

Meine Schwester und ich, wir waren eben wie richtige Schwestern. Sie größer, erwachsener, eigenständiger und das, obwohl uns nur 6 Jahre trennen. Sie war sich bewusst, was sie vom Leben wollte, wollte mich liebevoll dahintreiben, mitziehen… doch erzeugte in mir das Gegenteil. Wie echte Mädels eben mal zueinander sind.

 

Ich musste mehrfach den Kontakt brechen, trennen…nicht, weil ich sie nicht geliebt habe, sondern weil ich nicht klar kam, in ihrem Schatten zu stehen, weil ich einfach noch nicht soweit war, zu mir zu stehen…um mich zu finden.

 

Damals verglichen die Eltern noch, in der Art „schau, deine Geschwister haben studiert“; „sie sind sportlich erfolgreich“; „Haben Familie und Kinder“…aber auch hier, ohne Wertung, das machen eben Eltern mal so und damals war es eben auch eine andere Zeit. Ich, ich hatte nichts dergleichen. Ich machte mir kein Kopf über die Zukunft, nicht aus Faulheit, sondern weil ich für mich gefühlt nicht reinpasste. Nicht in diese Familie, nicht in diese Welt, nicht in diese Gesellschaft, weil ich anders war und doch nicht anders sein wollte. Dennoch hatte ich irgendwie Glück im Leben, bekam immer gute und verantwortungsvolle Jobs, weil ich einfach das Wissen hatte…ohne in der Schule einen 1´er Abschluss zu absolvieren oder studiert zu haben. Was ich bekam, hat mir gereicht um gut damit zu Leben und beruflich Erfolg zu haben.

 

Mein weiteres Leben, entwickelte ich von der Familie fort. Oft war ich sauer auf meine Geschwister, weil ich in ihrem Schatten stand, verglichen werde, nicht gesehen werde und sie im Fokus standen…scheinbar, so sah ich es zumindest. Ich fühlte mich verletzt, dass sie mich nicht sehen. Ich dachte, sie werden mehr geliebt als ich. Damals hatte ich aber auch noch nicht die Sicht, auf ihre eigenen Erlebnisse, Gefühle und Verletzungen.

 

Durch meine Ausbildungen im spirituellen Bereich, löffelte ich oft in der batzigen und klebrigen Kernsubstanz rum. Löste Glaubenssätze, trennte mich mental aus den Verstrickungen der Erdenfamilie, begrub so oft die Ansicht des Familienbildes, was ich davon hatte, wie eine Familie zu sein hat und heilte meine kindlichen Verletzungen…wie oft kamen Kinderthemen hoch, immer wieder das kleine sonderbare Mädchen, was so anders ist und doch dazugehören möchte, ein Teil der Familie und sich immer ausgegrenzt fühlte. Viele Tränen wurden geweint, sicherlich machte ich innerlich den anderen Vorwürfen, weil sie mich nicht so sehen wie ich wirklich bin.

 

Mein Wunsch war es auf Augenhöhe, gleich mit ihnen zu stehen, ohne Wertung ihres oder meines Lebens.

 

Ich kam da nie hin, weil ich eins nicht tat…ich wollte so sein wie sie, ohne zu sehen, dass ich anders bin. Dass ich erst gesehen werde, wenn das kleine Küken anfängt, die Eierschalen abzuwerfen und selbst den Schritt aus dem Schatten in das Licht tut, zu sich zu stehen, seinen eigenen Weg geht und seinen eigenen Wert sieht. Raus aus den Vorwürfen, raus aus der Wertigkeit, selbst nicht das Leben der anderen nicht mehr zu werten und beide Seiten als „gleich gültig“ stehen zu lassen. Nicht zu allem ja zu sagen, sondern hinter seinem eigenen Leben zu stehen, ohne sich zu verteidigen. Ehrlich zu sein, zu dem, was wir denken und fühlen.

 

Als ich das tat, zeigte sich mir ein Bild, wo ich uns Geschwister sehe…nicht mehr die Kleinen verletzbaren, verworren in der Struktur, sondern die Menschen, die in ihrem Licht strahlen und doch verbunden sind, sich gegenseitig respektieren ohne zu urteilen…auf Augenhöhe. Ohne kindliche Verletzungen, raus aus den Vorwürfen der Vergangenheit, offen und ehrlich miteinander kommunizierend, für einander da zu sein.

 

Wir alle haben unsere Zeit gebraucht, um die Glaubenssätze zu lösen, die Strukturen nach unserem Leben auszurichten, zu heilen, Wachstum zu zulassen und sind oftmals getrennte Wege gegangen, um gestärkt sich wiederzufinden und neu aufeinander zu zugehen, nach vielen Jahren…jetzt sehen sie mich, weil ich mich sehe und sie sehe…wir sehen uns mit anderen Augen, nicht mehr, mit den kindlichen Verletzungen und Wertungen. Leben nicht mehr gefangen in der Familienstruktur, machen uns unser eigenes Bild.

 

Mir ist bewusst, dass viele andere das ähnliche Problem haben. Wie oft behandle ich Familienthemen mit meinen Klienten, wie gut kann ich sie verstehen und es nachempfinden. Manchmal darf es Heilung für alle geben, wenn alle bereit sind zu wachsen aber im Vordergrund steh erst ich, weil ich mir wichtig bin, wenn ich heile…dann dürfen auch die anderen Heilen, in ihrem eigenen Tempo und ja, manchmal geht man eben getrennte Wege, um zu sich selbst zu finden und um irgendwann wieder zusammenzufinden.

 

Ich habe nach der Gunst und Anerkennung gekämpft, weil es mir wichtig war, was sie von mir denken, statt mich zu Leben und zu dem zu stehen, was ich wirklich bin. Sicherlich bedarf es Wachstum von allen Seiten, ohne die Lebensweise des anderen zu werten, obwohl sie so sehr von der eigenen abweicht. Frei von Schuld oder jeglichen Erwartungen.

 

„Danke, dass es euch gibt“…

Kann ich heute mit reinem Herzen sagen und spüre die Liebe, die ich ihnen gegenüber bei mir spüren darf <3

 

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